Große Jungs

Große Jungen statt junger Väter
Deutsche Männer sind Spätentwickler - auch deshalb ist das Land so kinderarm
Nicht ein Gebärstreik der Frauen, sondern eine Zeugungsverweigerung der Männer ist der Hauptgrund dafür, dass Deutschland weltweit die meisten Kinderlosen zu verzeichnen hat. Darauf deutet ein Bericht der Kommission "Familie und demographischer Wandel" der Robert-Bosch-Stiftung hin.
Männer sind in Deutschland deutlich häufiger kinderlos als Frauen. Besonders unter dem besser Qualifizierten hat die Kinderlosigkeit zugenommen. Während der Anteil der Akademikerinnen ohne Nachwuchs in der Altersgruppe von 40 bis 44 Jahren zwischen 1971 und 2003 von 40 auf 33 Prozent gesunken ist, verdoppelte er sich bei den Männern von 16 auf 36 Prozent. Offenbar konnten sich Männer vor 35 Jahren noch darauf verlassen, mit Hilfe ihrer Frauen Kinder und Karriere zu vereinbaren. Die wenigen Frauen mit Hochschulabschluss haben damals noch häufig einen Kinderwunsch dem Beruf geopfert. Da Frauen mittlerweile aber ähnliche Karriereerwartungen haben wie ihre männlichen Partner, scheint vor allem den Männern eine Familiengründung zu anstrengend zu werden.
Mangelnde Belastungsfähigkeit und Risikoscheu junger deutscher Männern zeigt sich auch daran, dass sie sich immer länger von ihren Müttern umsorgen lassen: Heute hat gerade mal die Hälfte der 25-Jährigen das Elternhaus verlassen. In Dänemark oder Finnland sind bereits die 21- respektive die 22-Jährigen zur Hälfte ausgezogen. Auch die deutschen Frauen verlassen das gemachte Nest im Schnitt rund drei Jahre früher als ihre männlichen Geschlechtsgenossen - in einem ähnlichen Alter wie in anderen west- und nordeuropäischen Ländern.
Die späte Abnabelung von den Eltern sorgt auch dafür, dass die jungen Männer hierzulande viel später als andere Europäer feste Bindungen eingehen: Von den 23- bis 27-jährigen Deutschen, die das Elternhaus verlassen haben, leben nur 30 Prozent mit einer Partnerin zusammen - in England sind das 40, in Finnland sogar 50 Prozent. Diese Entwicklung wird durch gesellschaftliche Rahmenbedingungen begünstigt. In Frankreich und Finnland erhalten junge Menschen leichter staatliche Unterstützung wenn sie eine eigene Wohnung beziehen und zwar unabhängig von den Einkommen der Eltern - ein Modell, das auch in der ehemaligen DDR zur frühen Familiengründungen beigetragen hat. In Deutschland dagegen sind Eltern für ihre Kinder bis zu deren ökonomischer Selbständigkeit unterhaltspflichtig. Nicht wenige Eltern unterstützen ihren Nachwuchs bis zum Ende des dritten Lebensjahrzehnts.
Internationale Forscher gehen davon aus, dass das lange Zusammenleben junger Männer mit ihren Eltern und deren lange ökonomische Abhängigkeit die Entwicklung von eigenständigen Partnerschaften und damit die Gründung einer eigenen Familie hinaus zögert, teilweise sogar ganz verhindert. Die Zahlen stützen diese Annahme: Noch später als deutsche Männer verlassen nur Italiener, Spanier und Griechen das bequeme "Hotel Mama". Von ihnen wohnt mit knapp 30 Jahren noch die Hälfte bei den Eltern. Mit fatalen Folgen für die Nachwuchsziffern: Die Geburtenraten dieser drei Länder liegen noch unter dem ohnehin geringen Wert Deutschlands.
Quelle: Robert-Bosch-Stiftung (2005):
Starke Familie. Bericht der Kommission "Familie und demografischer Wandel"